Geschichte der Anfänge des Islams (Hk 8.2.07)


1. Arabien vor Mohammed

Vor Mohammed war die arabische Halbinsel einerseits ein wichtiger Handelsschnittpunkt zwischen Ost (Indien...) und West (Mittelmeer), zwischen Süd (Abessinien) und Nord (Byzanz, Persien). Andererseits war es auch Provinz; weder das antike Rom noch Byzanz hatten jeweils dieses Wüstengebiet wirkungsvoll verwalten wollen oder können. Immerhin hatten sie Ansprüche vor allem im Norden des arabischen Raumes, im Süden hatten die Perser, zeitweise auch die Abessinier die Hand über den blühenden Stadtstaaten Palmyra und Jemen; die Wüste mit ihren Oasen und Handelsrouten gehörte aber den grösstenteils nomadisierenden Beduinen, auch den häufig in den Oasen ansässigen Juden der Diaspora.
Die Beduinen waren in Sippschaften gegliedert, die häufig miteinander im Kampf waren und die sich von ihrer Mentalität und ihrer Lebensweise her für einen modernen, einheitlich verwalteten Staat nicht eigneten. Der Beduine Al-Qutâmi schrieb schon 700: "Einmal gehorchen wir unserem amîr, dann wieder widersetzen wir uns ihm; wir fühlen uns nicht gebunden, allezeit seine Meinung einzuholen."
Die Nomaden-Lebensweise ermöglichte kaum festen Besitz, nur bewegliche Habe (Herden). Die Kämpfe brachten jeweils eine partielle Neuverteilung dieses relativen Reichtums, der in der Summe in etwa konstant blieb.
Die Frage des kulturellen Standes der Beduinen vor 600 fällt nicht leicht. Zwar beherrschten sie die Schrift, aber es gibt nur wenig Zeugnisse, so bleibt auch ihr Wissensstand etwa in Mathematik, Astronomie, Medizin etc. weitgehend im Dunkeln, obwohl angesichts der Gestirnsverehrung und des Handels einerseits, der vielen Kontakte mit Menschen aus vielen verschiedenen Hochkulturen andererseits sicher ein beachtliches kulturelles Niveau angenommen werden kann. Hingegen gilt als gesichert, dass es eine sehr reiche mündliche Literatur gab. Im übrigen huldigten sie einem einfachen Dämonenglauben. Neben den heiligen Steinen verehrten die Beduinen auch Gestirne; sie kannten auch heilige Plätze (hima), wo alle Kampfhandlungen verboten waren und aus denen kein profaner Nutzen gezogen werden durfte.
Die Brunnen und Märkte spielten im praktischen Leben eine entscheidende Rolle. Zu den Stadtstaaten (v.a. Jemen) hatten die Beduinen ein kämpferisches Verhältnis; umso grösser war die Bedeutung der Handelsorte Mekka und Jathrib (später:-> Medina). V.a. Mekka war seit etwa 500 wichtigster Handelsplatz, besass den heiligen Zemzem-Brunnen und verfügte mit der schwarzen Kaaba über den heiligen Stein, der von allen Beduinen als Heiligtum betrachtet wurde.


2. Biografisches zu Mohammed

In dieses Beduinenmilieu wurde Mohammed wahrscheinlich 570 in Mekka in eine verarmte Familie hineingeboren. Als er zur Welt kam, war sein Vater bereits tot, seine Mutter starb, als er sechs Jahre alt war. Dass das eine denkbar schlechte Ausgangslage für eine "Karriere" war, braucht nicht betont zu werden, und so verdingte sich der junge Mohammed schon früh als Kameltreiber bei der reichen Witwe Chadidscha. Dieser 15 Jahre älteren Frau verdankte er sehr viel. Sie wurde 595 seine Frau, sie unterstützte ihn bei seinen Unsicherheiten anlässlich seiner ersten Offenbarungen und gilt zeit ihres Lebens - neben Mohammed selbst - als erste Gläubige, sie schenkte ihm sechs Kinder, die aber alle früh starben ausser der Tochter Fatima. Der Chadidscha blieb er (in Monogamie) treu. Nach ihrem Tod nahm er sich dann mehrere Frauen und Sklavinnen; seine Lieblingsfrau Aischa, in deren Schoss übrigens Mohammed 632 starb, spielte dann um 655 bei den politischen Wirren gegen Otman zugunsten Alis eine bedeutende Rolle.
Mohammed kam schon früh in Kontakt mit Juden und Christen an den verschiedenen Handelsplätzen, wo oftmals bis tief in die Nacht die Männer ihr Wissen und Denken austauschten. Er liebte aber auch die Einsamkeit. Sein Hang, auch noch während der Ehe mit Chadidscha, sich in Wüstenhöhlen zurückzuziehen und zu meditieren, ist überliefert.
610 scheint der Vierzigjährige dann die entscheidende Erscheinung gehabt zu haben: "Lies! Lies!" forderte ihn die Erscheinung auf. Mohammed war sehr verunsichert. War das eine gute Eingebung oder die eines bösen Dämons? Diese Frage beschäftigte Mohammed übrigens immer wieder; so hat er auch einige Lehren widerrufen, nachdem ihm klar geworden war, dass es böse Eingebungen gewesen waren. Den moralischen Rückhalt fand er bei Chadidscha, den äusseren bei seinem Oheim Abu Talib, der zwar Heide blieb, Mohammed aber gegen Anfeindungen von aussen verteidigte. Und so sammelte er langsam eine kleine Gemeinde um sich. Das wurde allerdings in Mekka ungern gelitten. Die blühende Stadt war im Gleichgewicht und konnte eine stabilitätsgefährdende Ideologie nicht gebrauchen. Als Mohammed 619 durch den im gleichen Jahr erfolgten Tod Abu Talibs und Chadidschas die Stützen in Mekka verlor, wurde die Situation der kleinen Gemeinde immer bedrohter. So folgte er 622 einem Ruf aus dem zerstrittenen Jathrib, wo seine Lehre heilsam einigende Wirkung haben konnte. Unklar ist, ob sich Mohammed seine Stellung in Jathrib erst vertraglich absichern liess. Wie dem auch sei: in dieser Stadt, fortan Medina ("die Stadt") geheissen, liess er sich, einer alten arabischen Tradition folgend, dort nieder, wo sich seine Kamelin hinlegte. Die Auswanderung von Mekka nach Medina, die Hedschra, bestimmt den Beginn der arabischen Zeitrechnung. Sie markiert den Anfang von Mohammeds auch weltlichem Engagement. Mohammed ist also seit 622, analog zu Moses, sowohl Religionsstifter als auch Organisator eines Staatswesens.
Zunächst befriedete er kraft seiner Lehre die arabischen Parteien; die Juden, die sich nicht assimilierten wollten, vertrieb Mohammed. Die Einnahmen der Gemeinde resultierten aus dem Überfall auf Karawanen, vorwiegend aus Mekka. Die Mekkaner wollten mit einer Truppe von 500 Männern das Treiben stoppen, scheiterten aber 624 bei Badr in einer Schlacht, welche im mohammedanischen Selbstverständnis von Allah gewonnen wurde und den Beweis für den richtigen Weg lieferte. 625 unterlagen dann die Mediner in einer zweiten Schlacht bei Uhud den Mekkanern, aber Mohammed fand die passende religiöse Begründung; der Glaube war auch äusserlich gefestigt. Der nächste Kampf 627 wurde bekannt unter dem Namen "Grabenkrieg um Medina", da die Mediner zur Störung der mekkanischen Reiterei kleine Sandgräben aufschütteten; die Folge gab den Erfindern recht: Nach sechs Opfern zogen die Mekkaner ab. Um diese Zeit dürfte das Prinzip der Pax Islamica entstanden sein, das Verbot, Muslims zu bekämpfen. Diese Vorschrift soll, wie die später behandelten heiligen Handlungen, solidarisierend, einigend wirken. Die Sonderstellung der Christen und Juden, die zwar nicht zwangsbekehrt , aber tributpflichtig wurden, bildete sich in jener Zeit aus.
629 ergriff Mohammed, nachdem schon etliche Oasen muslimisch geworden waren, die Initiative gegenüber Mekka. Er besammelte 3000 Bewaffnete und wollte mit ihnen als Pilger in die Stadt. Die Mekkaner schickten eine Verhandlungsdelegation, und zur Enttäuschung der Begleiter Mohammeds handelten diese den Abzug Mohammeds ein mit der Zusicherung, er könne in einem Jahr kommen. Aber Mohammeds Weichheit erwies sich als diplomatisches Geschick, viele Mekkaner wurden Muslims, und 630 konnte Mohammed mit seinen Getreuen bequem und im Triumph in Mekka einmarschieren. Für alle ehemaligen Gegner gab es eine Amnestie. Die Kaaba wurde jetzt auch zum muslimischen Heiligtum; die Gebete wurden nicht mehr Richtung Jerusalem, sondern Richtung Mekka gerichtet. Die Arabisierung des Islam war perfekt. Die Eroberung der übrigen Teile Arabiens fiel leicht. Noch im gleichen Jahr besiegte er bei Hainan die nomadisierenden Beduinen. Damit hatte sich die städtische politische Organisation durchgesetzt. Der damals persische Stadtstaat Jemen schloss sich gerne an, da die Stadt nach der Ermordung des persischen Königs 628 führungs- und schutzlos geworden war. Die auferlegten Tributzahlungen führten aber zu Unzufriedenheit und Abfallbewegungen unmittelbar nach dem Tod Mohammeds. Noch vor der Einnahme Mekkas hatte Mohammed Glaubensgesandtschaften an 6 Fürsten (u.a Kaiser von Byzanz, Negus von Abessinien) geschickt und damit seinen Platz in der Welt angemeldet. Nur von den Persern wurde die Delegation angeblich unfreundlich aufgenommen.
632 starb Mohammed unerwartet, ohne die Nachfolge geregelt zu haben. Würde die Führerlosigkeit im Glauben und im politisch geeinigten Raum die alte anarchische Tradition aufleben lassen?
Angesichts der Bedeutung des Lebens Mohammeds - den Sunniten ist es ähnlich wichtig wie der Koran selbst und die Überlieferung, hadit - und angesichts der Erlebnisvielfalt kann einen nicht wundern, dass der Islam Widersprüchliches enthält. Mohammed selbst hat erkannt, dass jede Offenbarung sorgfältig überprüft werden muss, ob sie nicht vielleicht von Dämonen stammt. Die Araber scheinen aber gut mit Widersprüchen leben zu können, besser als viele Vertreter unserer Kultur jedenfalls.


3. Islam - Lehre

Mohammeds Lehre wurde beeinflusst von seinen Gesprächen mit Juden und Christen, sie enthält auch auch heidnische Einflüsse. Neu, auch gegenüber Christentum (Dreieinigkeit!) und Judentum, war, dass er wirklich nur einen Gott anerkannte. Der Kern: "Siehe, mein Gebet, meine Verehrung und mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten. Er hat keinen Gefährten, und solches ist mir geheissen, ich bin der erste der Muslims." (6,163)
Stammvater der Juden, Christen und Mohammedaner ist Abraham, statt Nachkommen Isaaks sind die Mohammedaner die Nachfahren des Sohnes Ismail . Wie sehr Mohammed von der jüdischen Tradition geprägt war, zeigt sich etwa darin, dass er anfangs Richtung Jerusalem beten liess. Erst als er erkannte, dass das Christentum und Judentum die ursprünglich reine Lehre verfälscht hatten und er im Besitze Mekkas war, erkannte er auch, dass Abraham in Mekka die erste Kaaba gebaut hatte; damit war das arabische Zentrum des Islam gefunden.
Die christlichen Wurzeln sind weniger markant; Mohammed scheint auch über das Christentum weniger gewusst zu haben als über das Judentum. Immerhin, die erste Sure, das Kurzgebet der Moslems, zeigt doch sehr deutliche Einflüsse des christlichen Gemeinschaftsgebets:
"Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner, dem gnädigen Allerbarmer, der am Tage des Gerichtes herrscht. Dir allein wollen wir dienen, und zu dir allein flehen wir um Beistand. Führe uns den rechten Weg, den Weg derer, welche sich deiner Gnade erfreuen - und nicht den Pfad jener, über die du zürnst oder die in die Irre gehen!" (1.Sure, 1-7, offenbart zu Mekka)
Im folgenden möchte ich auf die 5 Heiligen Handlungen im Islam eingehen; sie gehen auf Mohammed zurück und haben noch heute einige praktische Bedeutung auch im politischen Bereich, was ich am Beispiel der Golfproblematik thesenartig andeuten möchte.
Glaubensbekenntnis: Bekenntnis zum (einzigen) Gott (Allah. Auf arabisch „heisst“ auch der christliche und jüdische Gott Allah. Das Wort bezieht sich also nicht speziell auf den Islam.) und zu seinem Propheten Mohammed. (Auch Christus und viele jüdische Propheten werden im Islam als Propheten anerkannt.) Gebet: Man unterscheidet das persönliche vom rituellen Gebet. Hier geht es um die 5 täglich vorgeschriebenen Gebete zu den vom Muezzin ausgerufenen Gebetszeiten, also um das rituelle Gebet. Der Sinn ist die Unterwerfung unter Allah. Islam heisst ja Hingabe. Die praktische Funktion dieses Gebetsrituals damals und heute etwa bei Saddam Hussein ist die Integration aller Gläubigen. Die gemeinsame Unterwerfung hat seinerzeit das zerstrittene Medina - mit Ausnahme der Juden - trotz aller Gegensätze zu einer starken Einheit zusammengeschweisst. Das war natürlich auch das Ziel Husseins.
Ebenfalls integrierend wirkt natürlich der Ramadan, das gemeinsame Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Diese Idee findet sich meines Wissens in allen Religionen in verschiedenen Formen und hat wohl mystische sowie gesundheitliche Wurzeln. Da im Ramadan häufig auch die Pilgerfahrt stattfindet, gehen in dieser Zeit traditionell die Emotionen hoch, religiöser Fanatismus findet in dieser Zeit den idealen Nährboden.
Der dritte Pfeiler ist die bereits erwähnte Pilgerfahrt nach Mekka. Die Bedeutung des im würfelförmigen Heiligtum Kaaba eingeschlossenen Meteoriten wurde schon im letzten Kapitel dargestellt. Sie wirkt sehr integrierend und unterstreicht den arabischen Charakter des Islam.
Die vierte Heilige Handlung - in unserer inoffiziellen Zählweise - regelt die soziale Frage, eine Voraussetzung für jede Gemeinschaft, die eine gewisse Stabilität haben will. Das war die ursprüngliche Funktion des Almosens. Mit dem Ausbau des Staates geriet, wie in jedem modernen Staat, die Fürsorge allmählich unter staatliche Kontrolle; der Verwendungszweck verschob sich, die Freiwilligkeit wich dem Obligatorium; kurzum, das Almosen wurde zur Steuer. Die Summen, die mit den Eroberungen anfielen, wurzeln ideologisch teils in der politisch institutionalisierten Almosenpflicht, teils aber auch im traditionellen Recht der Eroberer, die Kriegsbeute brüderlich zu teilen. Profiteure wurden immer mehr die Mächtigen und immer weniger das Fussvolk oder gar die Armen. – Etliche islamistische Organisationen, zum Beispiel die Hamas in Palästina und die radikalen Muslimbrüder in Ägypten (heute international gefürchtet und verbreitet) verdanken ihre Beliebtheit und ihren Rückhalt in der Bevölkerung ihrem Engagement für die Armen, und sie interpretieren ihr soziales Verhalten als typisch islamische Handlung im Sinne des Almosens.
Keine heilige Handlung ist der umstrittene Heilige Krieg, der Dschihad, obwohl zum Teil in der westlichen Welt als solches bezeichnet. Der Begriff entstand kurz nach der Hedschra, als sich die junge islamische Gemeinde von 624 bis 630 gegen die Mekkaner durchsetzen mussten. Heute wird die Übersetzung „Heiliger Krieg“ von Muslimen als typisch westliche Verzerrung beurteilt. Der Begriff sagt nur aus, dass man sich für die Lehre einsetzen soll; Krieg kann in der Praxis ein Mittel sein, der Begriff umfasst aber auch viel mehr, zum Beispiel auch den inneren Kampf gegen den eigenen Unglauben (= grosser Dschihad). Dass der Krieg heilig sein soll, sei eine christliche Erfindung und habe mit dem Islam nichts zu tun. Unbestritten ist aber, dass der Krieg in den Anfängen des Islams – wie auch in anderen Kulturen – eine grosse Rolle gespielt hat.
Die mohammedanischen Grundsätze widersprechen sich entsprechend der konkreten Situation, in der sich Mohammed befand. Die Anhänger Mohammeds hatten sich nach 622 dem - nicht nur - beduinischen Nationalsport gewidmet, dem Überfall reicher Karawanen. Das war damals durchaus nichts Anstössiges und schon gar nicht eine „Heilige Handlung“; ähnliche heroisierende Überfall-Traditionen gibt es auch bei uns zuhauf, man denke an die literarischen Robin Hood und Simplicius Simplicissimus, an den historischen Admiral Nelson, westliche und indianische Gepflogenheiten während der Pionierzeit in Amerika etc. etc. Wie nicht anders zu erwarten, fanden das die Mekkaner weniger lustig, und so kam es zu den erwähnten Kriegszügen der Mekkaner nach Medina, und da wurde der Begriff des Heiligen Kriegs fällig. Kurz bevor Mekka 630 in den Händen Mohammeds war, kam es zur Einschränkung, dass der Krieg gegen Muslims nicht statthaft sei. Daher kommt auch der offensichtlich noch aktuelle Zwang, den jeweiligen politischen Gegner als Ungläubigen zu disqualifizieren, sei es, weil er den Islam „falsch“ interpretiert oder weil er kein Muslim ist; diese Praxis bildete sich schon bei den Rivalenkämpfen bald nach Mohammeds Tod aus. Es wundert daher kaum und entspricht alter Tradition, dass sowohl Befürworter und Gegner des Kriegs sich auf den Koran berufen können. Radikale Muslims behaupten heute, dass die unversöhnlicheren späteren Suren den Vorrang haben vor den Toleranz predigenden älteren Suren. Dies ist eine willkürliche politische Interpretation. - Die ursprüngliche christliche Lehre ist da eindeutiger pazifistisch, aber genützt hat es gar nichts.
Gegen Ende des Lebens Mohammeds bildete sich das Personenrecht: Polygamie, Sklaverei waren erlaubt, es entstanden eine neue, individualistischere Erbordnung, das Wein- und Schweinefleischverbot; die Fastenvorschriften, die ursprünglich heidnische, von Mohammed umgedeutete Pilgerfahrt. Die Kleiderordnung entstand erst etwas später. Die Beschneidung ist eine ältere Tradition (nicht nur in arabischen Ländern); Mohammed versuchte die alten Regeln eher zu mildern. Es gibt keine Sure, die die Beschneidung fordert.
Die wohl wichtigste historische Bedeutung des Islam ist seine einigende Kraft. Sie ermöglichte eine stabile Ordnung erst in Medina, schon bald in ganz Arabien. Mohammed zerschlug das Sippendenken und ermöglichte damit das geeinte Auftreten aller Muslime; später (auch heute!) wurde das allerdings immer wieder in Frage gestellt, was von den Gegnern des Islam oft gefördert wurde und ihnen immer wieder bessere Chancen einräumte. Jüngste Beispiele sind in Palästina und Irak zu beobachten. - Der Islam war primär an den arabischen Kulturraum gebunden, über sechshundert Jahre waren die Herrscher über die islamische Welt Araber – oder Iraner, ehe die Türken kamen.- Trotzdem wirkt die "einigende Kraft", wenn auch etwas weniger ausgeprägt, noch heute im ganzen islamischen Raum, der umfasst heute ca. 1 Milliarde Menschen, darunter die reichsten (Kuweit) und ärmsten (Sudan, Bangladesh) Länder. Schon aus dieser einfachen Feststellung ergibt sich, dass die Solidarität ihre Grenzen hat. Eine ähnlich grosse Kluft gab es zu Zeiten Mohammeds schon zwischen Beduinen und den städtischen Gebieten (Jemen) zu überwinden. Aber auch wenn die Praxis nicht übermässig viel Solidarität beweist; der Anspruch ist da, darauf lassen sich politische Programme aufbauen.
Schon zu Lebzeiten Mohammeds verschärfte sich die antichristliche Position, was die wachsende Konfrontation mit byzantinischen Gebieten nördlich Arabiens widerspiegelt. Die byzantinischen Christen hatten den Ruf, schrecklich intolerant zu sein, weshalb die toleranteren islamischen Eroberer in ehemals byzantinischen Gebieten auch leichtes Spiel hatten.


4. Der Islam nach dem Tod Mohammeds 632

Glücklicherweise für den Islam konnte die Nachfolge Mohammeds überraschend schnell und einheitlich gelöst werden. Der erste Kalif (= Stellvertreter des Propheten) wurde Abu Bakr, der aber schon nach zwei Jahren starb; es folgte Omar (634-644 ermordet): Beide mussten die Macht sichern, da die Unterworfenen sich nur persönlich an Mohammed gebunden fühlten. Omar führte die Eroberungen in raschem Tempo fort. Da die Einnahmen aus den Feldzügen zu einigem Reichtum der Teilnehmenden führte, waren die Erfolge der beste Kitt für das neue Staatswesen. Diesen Mechanismus schien schon Mohammed in den letzten Jahren erkannt und ausgenützt zu haben. Das Perserreich, grosse Teile des Byzantinisches Reich bis zur Grenze Kilikiens (heute Türkei) und Ägypten wurden sehr schnell unterworfen; angesichts der Unbeliebtheit der Zentralmacht Byzanz und eingedenk der Tatsache, dass die Muslims überall die bestehenden Administrationen stehen liessen, ist die schnelle Eroberung bis an die Grenzen der bekannten Welt kein Wunder. Die bisherigen lokalen Potentaten hatten oft mehr Freiheiten als vorher. Der Besitzstand der Einheimischen wurde überall gewahrt, die Tributzahlungen galten als Unterwerfungsbestätigung. Schon zur Zeit Mohammeds hatten die beduinischen Kriege klar den Zweck der Bereicherung, resp. der Vergeltung. Die Verteilung der (beweglichen) Kriegsbeute war der entscheidende Moment nach einer Schlacht, die Anteile waren genau geregelt. Das persische Wort Diwan bedeutet "Liste", nämlich die Liste derjenigen, die beuteberechtigt waren. Die Regelung, die sich nach Mohammed einpendelte, teilte dem Herrscher einen Fünftel zu, der Rest wurde je nach Bedeutung im Staat verteilt, nicht nur (wie ursprünglich) an die Kriegsführenden.
Nachdem die Kriege immer weiter hinausgetragen wurde, sank im Innern des muslimischen Raumes das Interesse daran; es kam noch zu etlichen Verteilungskämpfen, zu halb religiös, halb wirtschaftlich motivierten Aufständen, die ursprünglich einigende Kraft des Eroberungskrieges erlosch nach und nach. Die religiöse Frage spielte in den Kriegen eine eher nebengeordnete Rolle.
Die Araber in den neu eroberten Gebieten mussten unter Todesdrohung den islamischen Glauben annehmen, die andern waren frei. Ihren Glauben verteidigten meist nur Juden und Christen standhaft, und sie durften ihn ja auch behalten, wenn sie wollten. Allerdings: Dank der Regelung, dass Muslims nicht tributpflichtig waren, gab es zum Beispiel in Nordafrika soviele "freiwillige" Bekehrungen, dass die Kriegführenden zur Sicherung ihrer Einnahmen ein Gesetz erlassen mussten, das die Neubekehrten zu Zahlungen verpflichtete. In Arabien wurden Juden und Christen allerdings zunehmend vertrieben, sonst aber nirgendwo. Auch hier zeigt sich das Selbstverständnis, dass Arabien das (Kern-) Land der Muslims ist.
Doch wenden wir uns wieder der Chronologie zu. Nach der Ermordung Omars 644 wurde der Mekkaner Otman neuer Kalif. Er liess von den besten Gelehrten seiner Zeit den Koran schriftlich fixieren. Er hatte aber Feinde in Medina, nämlich Aischa, die Lieblingsfrau Mohammeds, und Mohammeds Neffen Ali, auch er ein Muslim der ersten Stunde. Sie bezeichneten ihn - natürlich - als Ungläubigen; möglicherweise fühlten sie sich aber infolge des Nepotismus' Otmans benachteiligt. Aus anderen Gründen wurde er auch aus Ägypten angefeindet. Zwar waren Ali und Aischa für Otmans Ermordung 656 nicht verantwortlich, aber Ali profitierte, indem er neuer Kalif wurde. Er war aber sofort heftig umstritten und musste seine Residenz nach Kufa im heutigen Irak verlegen. Das Zentrum des islamischen Reiches blieb fortan ausserhalb der arabischen Halbinsel. Wichtigste glanzvolle Hauptstädte der islamischen Welt waren (in ieser Reihenfolge) Damaskus, Bagdad und Istanbul (ab 1453); Arabien verkam wieder zur Provinz.
Zur Zeit Alis entbrannte eine grundsätzliche Diskussion, wer eigentlich die Nachfolge als Kalif antreten konnte. In der Praxis hatte sich herausgebildet, dass der Fähigste Kalif werden sollte, eine Erbfolge im westlichen Sinne kennt der Islam nicht, was sich jahrhundertelang in vielen Kriegen überdeutlich niederschlug. Die Anhänger Alis argumentierten aber, dass Allah die Familie des Propheten auserwählt habe und dass diese deshalb allein die höchste Würde bekleiden könne.
Zwar konnte Ali mit einigen Feldzügen im Süden seine Stellung behaupten, im Norden sollte es 657 bei Siffin zur Entscheidungsschlacht gegen Muawiyas, einen angesehenen Mekkaner, kommen. Dieser hatte viele Perser auf seiner Seite. Da erinnerten sich einige Weise an das Verbot, Muslims zu bekriegen, und sie forderten statt einer Entscheidungsschlacht ein Schiedsgericht. Und jetzt wird es erst richtig kompliziert: Zunächst teilten sich die Anwesenden in drei Gruppen, die Anhänger Alis (später: Schiiten ->schia: Sekte), die Anhänger Muawiyas (später: Sunniten -> sunna: Brauch) und diejenigen, die das Schiedsgericht ablehnten und darum auszogen (Haridschiten -> Ausziehende). Und das Schiedsgericht verkomplizierte die Situation noch zusätzlich, darum zitiere ich lieber den Pariser Professor Claude Cahen: "Das Schiedsgericht von 'Adruh wies die Ansprüche beider Prätendenten zurück, aber es sprach Otman frei, und die Tatsache, dass es Ali damit Unrecht gab, hatte zur Folge, dass die Truppen Muawiyas diesen selbst zum Kalif ausriefen (658). Ali glaubte, vor dem Kampf gegen ihn erst die Haridschiten unterwerfen zu müssen, und so kam es zum Blutbad von Nahrawan, das sein Ansehen weiter herabsetzte. Er verlor immer mehr an Boden, ohne dass man freilich mit Bestimmtheit sagen könnte, ob er Muawiya schliesslich unterlegen wäre - da wurde er 661 vor der Moschee in Kufa von einem Haridschiten, der seine Brüder rächen wollte, ermordet. Sein Tod sicherte der Familie der Umaiyaden und deren Haupt Muawiya den Triumph." Das also die Geschichte des Dynastiewechsels von den "rechtgeleiteten Kalifen" zu den Umajaden. Die Schiiten anerkennen alle späteren Kalifen nicht.

Von Spanien her kommend haben sich muslimische Eroberer bis zu Poitier und Marseille durchgeschlagen. Die Beutezüge waren ihnen im kalten Norden aber wichtiger als die Errichtung einer stabilen Herrschaft nördlich der Pyrenäen. In Spanien hielten sich Muslims ca. 700 Jahre lang an der Herrschaft, ehe die Reconquista v.a. der kastilischen Könige (Ferdinand II. und Isabella I.) das Ende der muslimischen Herrschaft (Al Andalus) – und übrigens auch der bedeutenden jüdischen Besiedlung Spaniens – zur Folge hatte.

Im religiösen Sinn ist der Unterschied von Sunniten (grosse Mehrheit im Islam) und Schiiten (v.a. Iran und der Süden Iraks, auch die libanesische Hizbollah) gering, wird aber je nach Situation von muslimischen und anderen Politikern hochgepeitscht, um politische Konflikte auszutragen. Es gibt auch viele andere Bezeichnungen für muslimische Untergruppen, die aber nicht als verschiedene Kirchen gedeutet werden können, sondern vor allem die kulturellen Unterschiede verschiedener Regionen widerspiegeln. Während die Alewiten (v.a. Türkei) die religiösen Regeln sehr grosszügig auslegen, ähnlich wie die meisten bei uns die kirchlichen Dogmen mehr oder weniger ernst nehmen, vertreten die Wahabbiten (Saudis, Jemen, u.a. Osama Bin Laden) eine sehr enge Auslegung des Korans. Beide begründen ihre Haltung mit Formulierungen aus dem Koran selbst. Das Aufkommen des kämpferischen Islams („Islamismus“) entspricht einer (vorübergehenden?) konservativen Besinnung auf die alten Werte, weil die ursprünglich sehr breit abgestützte Bewegung auf den Westen zu vorwiegend zu Enttäuschungen geführt hat. Die Gegenbewegung gegen die westliche Modernität entwickelte sich während des englischen Imperialismus, v.a. in Ägypten, und bekam jüngst durch die Politik Israels unter Sharon und Olmert und vor allem dank George W. Bush massiven Auftrieb. Während in den vorwiegend westlich orientierten Tunesien und Marokko und Türkei das tragen von Kopftüchern an der Uni verboten ist, gelten die islamischen Kleidervorschriften in Saudiarabien und Jemen unbedingt. Kopftuch, Vollbart und andere religiöse Symbole gelten oft auch als bewusstes Zeichen des Widerstands gegen die Verwestlichung und haben mehr mit Politik als mit Religion zu tun.

Bei der Beurteilung von Denkweisen, Bräuchen und Handlungen aus dem islamischen Raum ist stets zu beachten, dass sie nicht nur mit der Religion erklärt werden können.
- traditionelles Denken in verschiedenen Regionen schon aus der Zeit vor der Islamisierung wirkt nach. --> Beispiele: Unterdrückung der Frau, Beschneidung, Essens- und Kleidungsvorschriften existieren unabhängig von der Religion und werden, an historischen Massstäben gemessen, durch den Islam oft eher gebremst als gefördert.
- Aktuelle politische oder wirtschaftliche Probleme werden aus Machtgründen oft nachträglich religiös begründet. --> Beispiele: Territorialkämpfe in Palästina/Israel, Terrorismus (= Islam?!), Fremdenfeindlichkeit (Problem von Kopftuch und Minarett?)